VERÖFFENTLICHUNGEN

 

Dieser Text ist als Predigtmeditation im Deutschen Pfarrerblatt 03/2020 erschienen.

Da in diesem Jahr keine Gottesdienste stattfinden können, wird ihn kaum jemand verwenden; ich stelle ihn darum hier zur Verfügung.

Predigtimpuls für den Karfreitag, 10. April 2020

2. Korinther 5: (14b-18) 19 - 21

            Es ist die Epistellesung, die den Predigttext darstellt, und die damit antwortet auf die Verlesung des Passionsevangeliums aus Johannes 19, das gipfelt in den Worten "es ist vollbracht". Da der hörende Mitvollzug dieser Lesung ein emotionales Hauptmoment des Karfreitagsgottesdienstes ist, möchte ich dem Gedanken nachgehen, wie der Paulustext eine Antwort auf das Evangelium sein kann.

            Gott war in Christus[1]. Das klingt ziemlich ungeheuerlich als Aussage unmittelbar nach dem Bericht von der Hinrichtung Jesu. Dieser Satz ist eine durchaus steile Deutung des Kreuzestodes und sollte nicht missverstanden werden. Er besagt nicht, dass Gott das Kreuzesgeschehen gewollt, geplant, herbeigeführt hätte! Es ist festzuhalten, dass diese Hinrichtung ein Mord war und bleibt, dass Gott aber den Tätern die Herrschaft über das Geschehen entzieht.[2]

            Anders als es den Absichten der Täter entsprechen würde, macht Gott zwei Aussagen, die hier in v 19 anklingen: bis in den Tod hinein bleibt Gott in seinem Sohn und Gesandten gegenwärtig - es war gerade kein Fluchtod. Und: Seine Treue zu den Menschen bricht auch angesichts des eigenen Leidens nicht ab. Die (Selbst-) Hingabe Gottes an seine Welt, die mit der Menschwerdung begann, weicht dem scheinbaren Besiegtwerden nicht aus, bleibt auch in der Qual des Foltertodes erhalten. Wir haben einen Gott, der mitten im Leiden präsent ist, und der am eigenen Leib erfahren hat, welchen Qualen Menschen ausgesetzt sein können. Die Neuheit und den Trost dieser Aussage können wir kaum zu hoch ansetzen!

            Wozu das? Um in diesem Geschehen die Welt aus ihrer Feindschaft gegen Gott zurückzuholen, d.h. die Welt mit sich (Gott) zu versöhnen. Einseitig ist dieses Handeln Gottes[3] - das ist ungewöhnlich, wenn man den Gebrauch der Wortgruppe katalass* im Profangriechischen anschaut. Einseitig deutet hier Gott ein Vernichtungsgeschehen um. Als zweite Partei der Versöhnung kommt der Mensch erst mit v20 in den Blick, wo der souverän handelnde Gott zum Bittenden wird: den Menschen bittend, diese Versöhnung anzunehmen.

            Inwiefern nun antwortet dieser Text auf das Evangelium? Joh 19:30 endet mit dem letzten Wort Jesu am Kreuz: Es ist vollbracht. Was ist vollbracht? Hass, Zynismus, Dummheit, Feigheit, Machtstreben... alles mögliche Menschliche hat mit diesem Mord am Kreuz sein Ziel erreicht. Aber das ist nicht gemeint. Tetelesthai - vollbracht, zum Abschluss gebracht, vollendet, bis zuende gebracht: bis zum Ende hat er die Seinen geliebt. Mit diesen Worten beginnt Johannes die Schilderung des Passionsweges Jesu in Kap 13:1 wie mit einer großen Überschrift. Jesus hat es durchgehalten, ist der Liebe Gottes zur Welt nicht untreu geworden. Mitten in Hass und Vernichtungswillen bleibt er der Liebe Gottes treu, hält sie durch. Und auch Gott hält sie durch, in dem er diesem Mord nicht mit Rache und Strafe begegnet - das sehen wir am Ostermorgen.

            Sehr eindrücklich bringt der Priestermönch und Dichter Andreas Knapp[4] dieses Durchhalten Jesu in Worte; vielleicht kann ein solcher Blick vom Kreuz herab ahnen lassen, welche Liebe es ist, die den Apostel Paulus "drängt"...

gekreuzigt

 auf aller kerbholz festgenagelt

von missblicken durchbohrt

entblößt bis unter die haut

dornig der letzte blick ins leere

 

mein mensch mein mensch

warum hast du mich verlassen

und die lichtspur ins lebendige

so gnadenlos durchkreuzt

 

der schmerz brüllt mir ins ohr

und ich bitte nur um eines

dass ich an meiner liebe

niemals irre werde

 

 


[1] Ich bin mir bewusst, dass dieser Wortlaut exegetisch umstritten ist; da er aber in den meisten Gemeinden als aus dem Luthertext gelesen den Menschen im Ohr ist, lege ich ihn hier dennoch zugrunde.

[2] vgl. W. H. Ritter, Erlösung ohne Opfer?, 2003, S. 109

[3] vgl. M. Hengel, Der Kreuzestod Jesu Christi als Gottes souveräne Erlösungstat, in: Kleine Schriften IV, 2006, S. 1-26

[4] aus: ders., Tiefer als das Meer. Gedichte zum Glauben, Würzburg, 4. Aufl. 2012, S. 35

 

 

 

Jenseits der Idylle - Jesus und seine Familie

 Andacht zu Markus 3:31-35

            Geht es Ihnen auch so, dass Sie diese Geschichte ein bisschen gruselig finden? Ich bin selbst Mutter, und ich bin Tochter und manches andere. Ich höre diesen Text immer mit zwei Herzen und ich lasse Sie mal hineinschauen.

            Das Mutterherz zuckt zusammen bei diesem "das hier sind meine Mutter..." Ist nicht eine Mutter, sind nicht Eltern, etwas Einzigartiges, das man nicht einfach austauschen kann gegen Gleichgesinnte? Ist nicht das Blut der Familienbeziehungen dicker als das Wasser von Anhängern, die kommen und gehen? Glaubt Jesus denn, er könne sich auf diese zufällig zusammengelaufene Menschenmenge verlassen, wie auf seine Familie? Hier sind sie, Mutter, Geschwister - extra von Nazareth nach Kapernaum gekommen, um ihn herauszuholen aus dieser peinlichen Lage, in die er sich mit seinem Extremismus manövriert hat. Was es hier braucht, ist die Solidarität und Weitsicht einer zuverlässigen Familie, damit er hier mit heiler Haut und ohne Gesichtsverlust wieder herauskommt. So weit, so plausibel. Aber was sagt das andere Herz?

            Mein anderes Herz ist das Herz eines Menschen, der hier sitzt unter denen, zu denen Jesus sagt: "das hier sind meine Geschwister...". Warum auch immer sie hier in diesem übervollen Raum hocken: etwas hat sie angezogen, etwas hat sie getrieben. Vielleicht war es einfach Neugier, vielleicht war es die Kraft einer Masse, vielleicht hatten sie gerade nichts Besseres zu tun.

            Bei der einen oder dem anderen war es vielleicht anders - und dieses Herz lasse ich zu Wort kommen. Dieser Jesus strahlte etwas aus, rührte etwas an und ihm zu folgen, fühlte sich an, wie lange gesucht und endlich gefunden. Er redete von Gott und zum ersten Mal war das ein Gott, dem man vertrauen konnte. Er redete vom Reich Gottes in Bildern des Alltags: dieses Reich konnte man verstehen und es lockte. Dieser Jesus hatte vielleicht nicht auf alles eine schriftgelehrte Antwort, aber er hatte für alle ein offenes Ohr und eine liebevolle Hand. Das hier könnte wirklich ein Neuanfang sein. So könnte das Leben auf ganz andere Weise Sinn machen. Zu diesem Jesus zu gehören, könnte wirklich die Kraft geben, altes zurückzulassen.

            Vorsichtige Hoffnung ist das. Und dann kommt der Moment, wo ich die Luft anhalte: da kommt seine Familie, jetzt steht alles auf der Kippe. Was, wenn er jetzt aufsteht und geht? Dann ist auch für mich diese Hoffnung geplatzt, der Ausweg aus dem Alten verloren. Was macht er?

            Er bleibt sitzen, sein Blick schweift über uns alle. Kann er das machen? Einfach nicht aufstehen? Andersherum: kann er das machen: uns von Gottes Reich erzählen, dass uns das Herz aufgeht und sich dann von Mama zum Essen rufen lassen?

            Er redet, vielleicht habe ich nicht alles verstanden, aber dass ich nicht alleine mit meiner Hoffnung zurückbleibe, das habe ich verstanden. "Wer den Willen Gottes tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter." Das bin ich auch, ich kann bleiben, denn er bleibt auch. Ich atme weiter - und bin glücklich!

            In einem kleinen Buch von Anselm Grün habe ich vor Jahren einen Gedanken gefunden: wir verdanken unseren Eltern unser leibliches Leben. Das ist viel Grund, dankbar zu sein! Aber "unsere Einmaligkeit verdanken wir Gott, nicht unseren Eltern. Darum gehören wir Gott, sollen wir unser Leben ihm geben, uns ihm hingeben. Das führt in die wahre Freiheit."[1]

Diese Freiheit schützt Jesus, indem er bleibt. Ich genieße diese Freiheit - und will sie auch meinen Kindern zugestehen.

Gebet:

Jesus Christus, du rufst uns in deine Nähe und stellst unsere Füße auf weiten Raum. Danke, dass wir bei dir die Freiheit finden, einen eigenen Weg zu gehen. Hilf uns, dir zu vertrauen und mutig zu folgen. Uns Eltern schenke die Kraft, unsere Kinder an ihren eigenen Weg mit dir freizugeben. Amen.

[1] Anselm Grün, Wege zur Freiheit, Münsterschwarzacher Kleinschriften 102, 1996, S. 19

Veröffentlicht in: Unsere Kirche; 15. 9. 2019