Ein Gebet, mit dem ich lebe:

            Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist;

 

            wie im Anfang, so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit.

 

                       Amen.

 

Ein wohl vertrautes Element der Liturgie – für mich verbindet sich damit ein Stück gelebter Glaube.

Dieses Gebet steht in den Stundengebeten der Klöster und Kommunitäten wie ein Kehrvers am Ende der  gregorianisch gesungenen Psalmen. Die Liturgiker nennen es „Doxologie“ oder „Lobpreis“, es ist die sog. „kleine Doxologie“ im Vergleich zur „großen Doxologie“ Ehre sei Gott in der Höhe... Beide sind seit Jahrhunderten fest verankert auch in unseren katholischen und evang.-lutherischen Gottesdiensten und Gebeten.

Nun kann man ja mit solchen Formeln seine Schwierigkeiten haben, manche empfinden sie als leere Worthülsen, als ewiggleiche Litanei, die über die Köpfe der Menschen hinwegrauscht. „Wie es war im Anfang...“ – der wortgewordene Stillstand?

Ich bin lutherisch geprägt und habe immer das Bewusstsein gehabt, dass dies ein ehrlich gemeintes Gebet ist, aber ich habe es nicht wirklich für mich füllen können. Auch später, als ich als Theologin die Worte „auslegen“ konnte, blieb es immer noch Kopfwissen. Anbetung aber müsste ihre Wurzeln im Herzen haben.

Dass diese Worte den Weg in mein Herz gefunden haben, ist mit einer kleinen Geschichte verbunden. Seit ein paar Jahren fahre ich zu Exerzitien und Retraiten zur Christusbruderschaft nach Selbitz, einer evangelischen Communität in der bayerischen Landeskirche. Die Tage dort sind strukturiert durch die Tagzeitgebete der Communität morgens, mittags und am frühen Abend. In diesen Gebetszeiten werden u.a. Psalmen gesungen, auf deutsch natürlich. Jeder dieser Psalmen, ebenso das Canticum, Magnificat, Benedictus, Nunc Dimittis und andere Elemente der Liturgie werden abgeschlossen mit diesem Ehre sei dem Vater....Und dieses Gebet ist jedesmal, ob im Sitzen oder im Stehen, verbunden mit einer leichten Verbeugung des Oberkörpers. Ich fühlte mich nie genötigt, Formen mitzuvollziehen, die ich nicht verstehe oder nicht möchte – auch diese nicht.

Aber ich kam ins Nachdenken über dieses vielmalige Beten und Verbeugen, das jeden Tag durchzieht. Ich spürte eine Echtheit, konnte sie aber nicht füllen. So versuchte ich, diesen wenigen Worten nachzuhören und zu erspüren, was darin liegt. Und dies habe ich gefunden:

            Ehre sei

Ich gebe Gott die Ehre, ich verehre ihn. Das Beten der Psalmen oder anderer gottesdienstlicher Elemente mündet in die Verehrung Gottes. „Lobpreis“ oder „Doxologie“ bedeutet vom griechischen Wortsinn her Reden von Gottes Herrlichkeit. „Doxa“ – die Herrlichkeit Gottes. Diese immer wiederkehrenden Worte sind also ein Stück konzentrierter Anbetung Gottes, Anbetung seiner Herrlichkeit.

Anbetung ist die eigentlichste und größte Aufgabe unseres Lebens: wir wurden geschaffen zur Gemeinschaft mit Gott. Gott gab seinen eigenen Sohn in den Tod, um die zerbrochene Gemeinschaft wiederherzustellen. Jesus nennt es als höchstes Gebot, Gott mit allem, was in uns ist, zu lieben. Alles, was in mir ist, lobe den Namen des HERRN. Unser ganzes Leben soll dem Lob seiner Herrlichkeit dienen. Wir sind nicht nur „Bodenpersonal“ – der heilige Gott sehnt sich danach, von uns geliebt und verehrt zu werden. Und uns ist die Sehnsucht nach Gott tief ins Herz eingeprägt. Sie ist die eigentliche Wurzel der Anbetung: Gott zu ehren, weil Er Gott ist, weil Er ist, wie Er ist – und weil er mein Gott sein will.

Auch Dank für..., Bitte um..., Lob weil... haben ihren Raum und sollen ihn haben! Anbetung empfinde ich als ein Beten, dass nichts will, als Gott sehen und ihn ehren. Sie umgreift alles andere und führt über alles Irdische hinaus, zurück zu Gott. Ihm sei Ehre.

Der englische Musiker Matt Redman hat ein Lied geschrieben, dessen deutscher Text heißt:

Dir gehört mein Lob.
Wenn dein Segen in Strömen fließt,
du mir mehr als genügend gibst – dir gehört mein Lob.  
Und dir gehört mein Lob, auch  wenn ich mich verloren fühl‘,
 in der Wüste und ohne Ziel – dir gehört mein Lob.

Anbetung betet Gott an, nicht seine Gaben.

Anbetung hat mit der Liebe eines gemeinsam: beide wird es auch in der Ewigkeit noch geben, wenn alles andere vergangen sein wird. Leid und Tränen und Fragen, aber auch Freude über Gaben und Güter, Glauben und Hoffen. Nur die Liebe, sagt Paulus in 1. Kor. 13:13, reicht bis in die Ewigkeit hinein. Ebenso die Anbetung. In der Offenbarung umgeben unzählige Wesen  den Thron Gottes und beten ihn an – in Ewigkeit.

Darum glaube ich, dass dies gilt: Anbetung ist Liebe, die ich Gott entgegenbringe, einfach weil Er Gott ist und ich davon erfüllt bin.

            dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist

Die trinitarische Formel, die alle drei Personen Gottes einzeln benennt ist ein Miniatur-Credo. Sie unterscheidet unseren christlichen Glauben von jeder anderen Form von Religiosität. In der Entstehungszeit dieser kleinen Doxologie im 4. Jahrhundert grenzte sie den Glauben der Kirche gegen den Arianismus ab, der Christus und dem heiligen Geist kein göttliches Wesen zuschrieb. Hier stand mehr als nur Theologie und innerkirchliche Machtpolitik auf dem Spiel: wenn Christus nicht mehr ist, als ein hervorragender Mensch, hat sein Tod nicht die Macht, die Menschheit zu erlösen. Darum sind hier Vater, Sohn und Geist in einem Atemzug genannt und allen dreien wird dieselbe Verehrung zuteil. Von Gott reden viele – aber nicht von Jesus Christus als dem Sohn Gottes, der für unsere Sünden starb. Darum sind die großen altkirchlichen Bekenntnisse trinitarisch aufgebaut.

Die drei Personen, in denen Gott sich in der Bibel offenbart, gilt es zu unterscheiden, ohne sie voneinander zu trennen. Gott der Schöpfer und Herrscher bleibt mir fern und unbegreiflich, bedrohlich und anmaßend, wenn ich nicht seine Liebe in der Sendung des Sohnes sehe. Jesus bleibt ein guter Mensch, vielleicht ein Kumpel, vielleicht ein Vorbild, wenn ich ihn nicht als Gottessohn und Ausführenden des Erlösungshandelns Gottes kenne. Und ein Geist ohne Rückbindung an die Selbstoffenbarung Gottes in AT und NT und die Bindung an den Lebensgehorsam für Christus ist abgedrehte Schwärmerei. Nur mit allen dreien kann ich erkennen, wer Gott immer schon für mich war: der Schöpfer, der die Gemeinschaft mit mir sucht und auch nach dem Sündenfall nichts anderes sucht, als einen Weg zur Wiederherstellung der Gemeinschaft. Der einen unglaublichen Preis für mich gezahlt hat: seinen eigenen Sohn. Christus, der in vollkommenem Gehorsam und in vollkommener Liebe zum Vater dessen Willen getan hat. Und der doch bei seiner Rückkehr zum Vater uns Menschen nicht allein lassen wollte. Der Geist ist uns gegeben, weil Christus eben nicht bleiben konnte – aber der Geist bleibt. Als Tröster, Lehrer, als Leben Gottes in uns. Auch das ein Zeichen der liebevollen Fürsorge des Vaters und des Sohnes.

Und dieser Gott, dessen Liebe ich in Vater, Sohn und Geist erkenne – dem gebührt meine Anbetung. In diesen wenigen Worten steht mir der ganze lange Weg vor Augen, den Gott geduldig und zielstrebig gegangen ist, um auch mich  zu erlösen und in seine Nähe zu ziehen. Ihm sei Ehre!

            wie im Anfang

Was bedeutet dieser Anfang ? – Hier tue ich einen Blick in die Ewigkeit, die unserer Welt vorausging. Im Anfang, das sind die allerersten Worte der Bibel. Schon bevor diese Welt entstand, wurde Gott angebetet. Von wem? Noch nicht von Menschen. Von Engeln? Von der Ihn umgebenden geistlichen Welt? Innertrinitarisch?

Nach dem, was ich in der Offenbarung lese, sind Engel die Wesen, deren ganzes Sein Anbetung Gottes ist. Gott ist, wie Er ist, Er war es immer schon und darum gebührte Ihm immer schon Anbetung. Das ist die eigentliche Aufgabe der Engel.

Anbetung erhält Gott auch aus seiner ganzen Schöpfung: die Psalmen sprechen davon, dass auch die scheinbar unbelebte Natur Gott lobt. Es entspricht dem Wesen Gottes, angebetet zu werden und diese Anbetung umgibt ihn von allem Anfang an.

            so auch jetzt

Jetzt – durch mich, in diesem Augenblick. Ich reihe mich ein in eine bis in die Ewigkeit zurückreichende Reihe von Anbetern dieses Gottes. Diese Reihe trägt auch mein Gebet und ich empfinde es als eine besondere Würde, mich einreihen zu dürfen in diese Schar, die vor Grundlegung der Welt mit den Engeln begann.

Gott hat Myriaden von Engeln um seinen Thron – und doch ist Ihm mein Gebet kostbar. In der Offenbarung sind es die Gebete der Heiligen, die in goldenen Schalen zum Thron Gottes gebracht werden und als Wohlgeruch vor Gott aufsteigen (Offb. 5:8). Ein Bild, das mich sehr berührt, und in dem ich erkenne, dass nicht mein Tun vor Gott das Wichtigste ist, sondern das, was nur aus meinem Herzen kommen kann: mein Gebet. So wie jeder Mensch für Gott unverwechselbar und unersetzlich ist, so ist auch jedes Menschen Gebet so wertvoll, dass es in einer goldenen Schale vor den Thron des Höchsten gebracht wird. Auch meine Gebete, wenn ich  jetzt Gott die Ehre gebe.

            und allezeit

So soll es bleiben mein Leben lang. Nie will ich aufhören, Ihm die Ehre zu geben. Dass mein Leben etwas sei zum Lob seiner Herrlichkeit (Eph 1:12), das ist mein tiefster Wunsch. Gott will nicht in erster Linie meinen frommen Dienst. Dass ich ihn von ganzem Herzen liebe und anbete, steht höher.

            und in Ewigkeit

Hier mündet der Bogen, der vor Grundlegung der Welt begann. Anbetung reicht wieder hinein in die Ewigkeit, die jenseits dieser Welt liegt. Sie reicht von Ewigkeit zu Ewigkeit – und mein Beten ist ein kleiner Teil in diesem alles überspannenden Bogen. Dies ist der große Rahmen, in den mein Anbeten hineingehört. Die Anbetung Gottes beginnt nicht mit mir und endet nicht mir. Sie hängt auch nicht an mir – im Gegenteil: mein Gebet wird getragen von diesem nie enden Strom der Anbetung, die vor den Thron Gottes kommt.

Dies empfinde ich als eine Gabe, die mich entlastet und beschenkt: ich darf Teil sein dieses großen Stromes. Das verleiht meinem Beten Wert und Würde und das Wissen darum, dass ich nie allein vor Gott stehe – ich bin umgeben von all denen, die vor mir, mit mir und nach mir denselben Herrn anbeten. Es ist die Verehrung Gottes, die den ganzen Himmel und die ganze Ewigkeit füllen wird. Und ich glaube, dass das schöner wird, als wir je begreifen oder beschreiben können!

 

Natürlich sind die Worte dieses Ehre sei dem Vater... vor Gott nicht mehr und nicht weniger wert, als alle anderen. Mir sind sie lieb geworden, weil sie so dicht sind, weil in diesen wenigen Worten so viel Liebe, so viel Hingabe, so viel Ehrfurcht und dankbares Staunen und so viel Vorfreude liegen.

Ich brauche nicht mühsam nach passenden Worten zu suchen, die ich manchmal nicht habe, wenn ich die Größe Gottes anschaue. Ich kann meine Ehrfurcht und Liebe in diese wenigen Worte hineinlegen und behalte viel Zeit, Gott im Schweigen von Herzen anzubeten. Ich kann Gott anschauen, anstatt in meinem Kopf nach Begriffen suchen zu müssen. Das Beten mit Worten hat seine Zeit, manchmal sprudeln Worte über. Aber auch das Beten im inneren Schweigen hat seine Zeit und dazu macht mir dieses knappe und doch so reich gefüllte Gebet einen Raum auf.

So sind mir diese wenigen Worte kostbar geworden. Ich bete sie von ganzem Herzen und für mich stimmen sie mit der kleinen Geste der Verbeugung überein.

 

(Ursprünglich für einen Hauskreisabend entstanden und 2006 in der Zeitschrift Aufatmen abgedruckt)