Matthäus 15 – die Syrophönizierin

Predigt für den 22. Juli 2018, Petersberg/Sachsen-Anhalt

 

Liebe Tauffamilie, liebe Gemeinde,

ich möchte Sie mitnehmen in eine Begegnung.

Wir sind um das Jahr 30 unterwegs in einem Landstrich nördlich von Israel. Heute würde dieses Gebiet zum Libanon gehören, damals war es – wie Israel auch – Teil des römischen Reiches, trug aber noch den Namen Syrophönizien.

Unterwegs sind wir hier oben, weil Jesus sich vorübergehend ins Ausland zurückgezogen hatte. Warum er das tat, wissen wir nicht genau – vielleicht wollte er einfach mal etwas Abstand legen zwischen sich und die endlosen Debatten mit den Frommen, denen es immer um richtig und falsch ging.

Außerdem war vor kurzem erst Johannes der Täufer, den Jesus gut gekannt hatte, ermordet worden. Jedenfalls: Jesus zog sich zurück, ging ins nördliche Nachbarland.

Hier nun läuft ihm eine Frau über den Weg, eine Einheimische, eine Mutter. Sie kreuzt nun nicht einfach neugierig seinen Weg, sagt höflich „Guten Tag“ und geht weiter. Nein, sie überfällt Jesus direkt mit ihrer ganzen Verzweiflung. Ihre Tochter ist krank, sehr krank – „hab Erbarmen“, ruft sie Jesus zu. „Hab Erbarmen – du bist doch der Sohn Davids, du hast doch einen Draht zu diesem mächtigen Gott der Israeliten – hilf uns!“

Sie scheint Bescheid zu wissen, wen sie da vor sich hat, es scheint sich herumgesprochen zu haben, dass Menschen in der Begegnung mit diesem Jesus gesund geworden sind. Er ist ihre – letzte? – Hoffnung. Das Kind, die Tochter, ist offenbar zu krank, um selbst zu kommen. Aber die Mutter kämpft für sie.

Und kämpfen muss sie auch – denn Jesus geht einfach an ihr vorbei. Es sind dann seine Jünger, die ihn auf sie aufmerksam machen; aber sie sind auch nicht gerade hilfsbereit. „Schick sie fort“, raten sie ihm, „die schreit hinter uns her, das ist ja nervig. Schick sie weg, mach dich von ihr frei, was will die denn eigentlich, sie soll ruhig sein.“

Ja, Jesus war ja hierher gekommen, um etwas Ruhe zu haben. Also will er die Sache halbwegs ordentlich regeln und sagt höflich, was zu sagen ist: „da bin ich nicht zuständig. Mein Auftrag lautet auf Israel und seine bedürftigen Bewohner. Für dein Land bin ich nicht zuständig. Du musst woanders Hilfe suchen“. Wahrscheinlich sagt er das freundlich, aber es ist eine klare Absage.

Nun liegt der Ball also wieder in ihrem Feld. Was macht sie nun? Entschuldigung murmeln und sich enttäuscht zurückziehen? Vielleicht wäre das angemessen, aber das kommt für sie nicht in Frage. Sie hat diese Tochter zuhause, die furchtbar gequält wird von ihrer Krankheit. Von einem „Dämon“ spricht der Text. Ich denke mir, es ist so schlimm, dass sie fast schon ihr eigenes Kind nicht mehr sieht hinter dem Grauen. Schrecklich. Und vollkommen hilflos steht sie dieser Krankheit gegenüber. Aufgeben ist hier keine Option.

Sie eröffnet also die nächste Runde. Wirft sich vor Jesus auf den Boden, in den Staub der Straße und fleht: „hilf mir, hilf meinem Kind, hilf uns!“

Jetzt muss Jesus genauer hinsehen, er kann doch nicht einfach über sie hinweg steigen! Jesus antwortet ihr wieder: „schau, das ist bei mir wie in jedem normalen Haus: mit dem Essen, das man hat, ernährt man seine Kinder. Das wirft man doch nicht den Hunden hin“.

Bumm. Das sitzt. Ein klares Bild und ein echt unschönes. Hunde sind sie und ihre kranke Tochter? Hunde, nur weil sie keine Israeliten sind? Puh. Wahrscheinlich muss sie hier erstmal schlucken. Soll sie jetzt nicht doch lieber aufgeben und sich zurückziehen? Will sie sich im Ernst das hier anhören?

Ich glaube, sie schluckt. Und sie denkt nach. Aber dann geht sie in die dritte Runde: „ja“, sagt sie, „ja, stimmt. Aber: auch die Hunde gehören zum Haus: sie dürfen unter dem Tisch sitzen und nehmen, was abfällt.“

Echt kein schönes Bild, aber diese Kämpfer-Mutter steigt darauf ein. Sie sucht ihren Platz in dem Bild und sagt: „trotzdem – wenn du der Hausherr bist, dann gehören auch wir zu deinem Haus – und dann will ich haben, was die Kinder ohnehin nicht wollen.“

Und jetzt – so stelle ich es mir vor – ist es wohl an Jesus, für einen Moment zu schlucken und zu überlegen. „O Frau“, sagt er. Oder: „wow, Frau, du bist aber ganz schön hartnäckig! Du glaubst tatsächlich, dass du kriegst, was du brauchst. Soviel Vertrauen habe ich bei den Menschen bislang nicht erlebt. –

            Für dich soll geschehen, worum du so dringend bittest!“

Und von diesem Moment an war ihre Tochter gesund.

 

Diese Geschichte finden Sie im NT, ziemlich genau in der Mitte des ersten Evangeliums. Die Geschichte einer kämpferischen Mutter. Die Geschichte einer Frau, die Jesus tatsächlich in drei Runden zieht. Einer Frau, der ER antwortet, denn sie hat sozusagen die Gesprächsführung. Das ist ungewöhnlich! Und die als Nicht-Israelitin schließlich bekommt, was so nötig ist.

Mir gefällt diese Geschichte –  sehr sogar. Und ich sage Ihnen auch, warum.

Natürlich gefällt mir diese Frau, die mit dem Mut der Verzweiflung diskutiert – und gewinnt. Sie kämpft für ihr Kind, eine Tiger-Mama. Wie es jeden Tag tausende von Frauen tun: kämpfen um Leben, Überleben, Schutz, Chancen und Zukunft für ihre Kinder. Auch diese Mutter ist sich nicht zu schade, sich für ihre Tochter in den Dreck und in die Bresche zu schmeißen.

Und sie tut es für ihre Tochter! Das ist leider nicht so selbstverständlich weltweit. Aber hier geht es eindeutig um ein Mädchen, das Rettung braucht und bekommt.

Und was mir auch gefällt: sie erwischt Jesus eindeutig auf dem falschen Fuß. Er ist innerlich auf einem vollkommen anderen Weg unterwegs. Er ist auf dem Rückzug. Er hat Israel vorübergehend den Rücken gekehrt. Will mal Ruhe haben, allein sein, nicht in Auseinandersetzungen oder geballte Not hineingezogen werden. Mal aufatmen. Jeder gute Berater würde ihm das in diesem Moment auch empfehlen. Tun Sie mal was für sich, wer immer nur gibt, ist irgendwann alle, es muss auch mal Schluss sein, Sie können ja nicht die ganze Welt retten… Stimmt alles!

Blöd nur, dass diese Frau plötzlich ins Bild kommt. Und Jesus schaltet einfach nicht um. Zuerst übersieht er sie geflissentlich, dann weist er sie höflich darauf hin, dass er nicht zuständig ist, dann packt er seine Absage auch noch in ein wenig schmeichelhaftes Bild.

Wahrscheinlich war das auch gar nicht vorgeschoben: Jesus wusste sich gesandt zu den Israeliten. Das war sein Volk, das war sein Auftrag, das war der Willen seines Vaters im Himmel. Von den anderen war nie die Rede gewesen – bis jetzt.

Ich vermute, dass Jesus hier wirklich überrumpelt wird. Und mir gefällt, dass dieses neue Thema gerade nicht durch ein kluges Theologengespräch in sein Leben kommt, sondern durch eine kämpferische Frau.

Mir gefällt, dass er gerade nicht als allwissender Halbgott huldvoll sich herabneigt zu dieser Frau. Was sie von ihm will, hat er noch nicht auf dem Schirm, das gehörte nicht zu seinem Konzept, seinem Auftrag, seinem Selbstverständnis.

Und darum ist es so spannend, dass diese Frau es tatsächlich schafft, ihn auf ihre Seite zu ziehen. Wie macht sie das?

Sie nimmt sein eigenes Bild und sagt ihm, ja, aber… Zu diesem Bild Ja zu sagen, ist bestimmt nicht einfach, aber sie sagt es. Ja. Aber: schau, in deinem Haus gibt auch für uns einen Platz – in deinem Haus ist Platz für uns.

Damit packt sie ihn an der Stelle, die einfach stimmt: in seinem Haus ist Platz; in Gottes Haus ist Platz – auch für sie und ihre Tochter. Auch für mich ist Platz und für Sie, für das Kind, das wir gerade getauft haben und seine Familie.

Da ist Platz und es ist für alle genug zu essen da. Gottes Gaben reichen! Und es ist ganz klar: Gott spart doch nicht!

Dieses Bild von den Hunden, taucht im Neuen Testament nicht mehr auf. Und uns heute, die wir vermutlich fast alle keinen jüdischen Wurzeln haben, käme schon gar nicht mehr in den Sinn, der Jude Jesus könnte für uns „nicht zuständig“ sein. So selbstverständlich ist das geworden. Vielleicht hat diese mutige Frau nicht nur für ihre Tochter eine Tür aufgestoßen. Die Apostel haben ein paar Jahre später nochmal heftig diskutiert, wie das ist mit dem Heil für die Nichtjuden; aber dann war es klar – Jesus ist Heiland, für alle.

Ein entsetzlich krankes Mädchen, eine verzweifelt entschlossene Mutter, mutig und auch klug, und ein sehr menschlicher Jesus, der sich gewinnen lässt.

Ich möchte Ihnen diese Geschichte mitgeben, sie ist ein wunderschönes Bild dieses Jesus, dass er sich überwinden lässt – und noch dazu durch eine Frau!