Maria Magdalena - ein Gespräch

 »Warum weinst du?«, fragte Jesus sie. »Wen suchst du?«

Johannes 20,15

Maria? Kann ich mit dir reden? Du bist eine faszinierende Frau, aber ich weiß so wenig von dir. Reicht es, wenn ich dich Maria nenne? Ohne Magdalena? Das ist so lang und eigentlich nur der Name deines Dorfes.

Sicher, alle haben mich Maria genannt, auch Jesus. Aber was an mir Faszinierendes sein soll, weiß ich nicht – mein Start ins Leben war ja ziemlich dunkel.

Lukas hat von sieben Geistern geschrieben – was war denn da?

Ich mag darüber nicht reden; ich bin froh, dass Lukas so diskret war. Ihm als Arzt konnte ich nichts vormachen; er hat gleich gesehen, wie mein Leben aussah. Es gab so viele böse Einflüsse, Verletzungen, so viele dunkle Mächte. Ich habe nur noch dahinvegetiert. Aber Jesus hat mich da herausgeholt.

Dann hast du dich auf den Weg gemacht, Jesus zu folgen – als Frau, damals – ging das denn einfach so?

Ich war nicht die einzige; es waren noch mehr Frauen mit Jesus und den Jüngern unterwegs. Darüber habe ich auch gar nicht nachgedacht. Endlich durfte ich leben! Das war ein so riesengroßes, so wunderbares Gefühl – ich musste einfach mit. Jesus war mein Leben. Er war – einfach alles!

Maria, du warst ja wirklich total begeistert!

Ja, ich war wie auf Wolken. Ein normales Leben hatte ich nie gekannt. Jetzt waren Menschen um mich herum, ich konnte reden, hören, lachen, konnte die Sonne auf der Haut spüren und den Regen, konnte wieder schlafen, hatte keine Angst mehr. Das war der Himmel auf Erden für mich.

Himmelhochjauchzend ...

Aber dann kam Jerusalem, der Prozess, die Kreuzigung, der Tod ... und dann diese drei Tage, wo Jesus einfach nicht mehr da war, das war unvorstellbar. Es war einfach nur schrecklich.

Und du hast das alles auch noch mit angesehen! Warum bist du nicht weggelaufen?

Ich konnte nicht. Wo hätte ich auch hinsollen? Petrus, Johannes, Jakobus und die anderen – die waren abgetaucht. Für sie war ein Traum geplatzt, eine Hoffnung verloren, der Messias gescheitert, die Zeit mit Jesus sinnlos – was weiß ich.

Aber das war es doch für dich auch, warum bist du nicht bei ihnen geblieben?

Weil ich da sein wollte, wo Jesus war. Nur da sein, wo er war. Ich habe ihn sterben sehen – Jesus, mein Leben ... stirbt ... dafür gibt es keine Worte. Das war nur ein schwarzes Loch. Ich bin stehen geblieben, habe gesehen, wie sie ihn vom Kreuz abgenommen haben, ins Grab gelegt. Dann bin ich da sitzen geblieben, betäubt, verzweifelt ... Irgendjemand war meistens bei mir, da waren noch mehr Frauen.

Ausgerechnet ihr Frauen ... Warum ihr? Warum keiner von den Jüngern?

Ich weiß es nicht – vielleicht ging es bei uns mehr um den Menschen Jesus. Für mich war nicht die „Hoffnung Israels“ gestorben. Das war mir, ehrlich gesagt, ziemlich egal. Mein Jesus war tot; mein Jesus, den ich geliebt habe; mein Jesus, der mir mein Leben neu geschenkt hat. Er war mein Ein und Alles. Er war mein Leben!

Ich habe oft versucht, mir dich am Grab vorzustellen. Und ich habe deine Verzweiflung gespürt und diese wilde Entschlossenheit, bis zum Letzten bei deinem Jesus zu bleiben. Und dann ist dieses Grab leer ...

Sag mal, warum ist denn dieser Moment für dich so wichtig?

Ja, seltsam eigentlich ... Warum dieser Moment am Grab? Manchmal stehe ich auch vor einem Grab, das tun wir wohl alle. Gräber von Menschen, die wir für den Rest unseres Lebens vermissen werden. Oder Gräber, in denen wir ein Stück Leben begraben mussten, das zu Ende war. Oder eine Hoffnung, die nie Wirklichkeit werden wird. So ein Grab ist ein Ort von Trauer, von Abschied, man muss etwas loslassen, das man gar nicht hergeben wollte ... Etwas ist tot, was sehr wichtig war.

Und dann stehst du an diesem Grab und kannst nichts mehr tun. Es ist einfach nicht mehr da.

... nicht mehr da. Ich glaube, das ist es, warum ich immer wieder zu dieser Szene zurückgekommen bin. Nicht mehr da ... wird nicht mehr ... kommt nicht wieder ... und ich kann nichts machen. Ich bleibe hocken, wo das Leben gewesen ist.

So stand ich nach dem Sabbat vor diesem Grab und es gähnte mich nur die Leere an. Wo ich dachte, Jesus zu finden, war nur ein leeres Loch. Wenigstens ein letztes Mal wollte ich ihm meine Liebe schenken, aber er war weg. Das war grauenhaft.

Genau – so geht es mir dann auch: Ich stehe da, wo mein Leben zuletzt noch funktioniert hat. Da suche ich nach Jesus, wie du. Vielleicht will ich ihm etwas geben, aber er ist nicht da. Vorher hatte ich ihn an diesem Ort noch gefunden. Gott ist doch da, wo das Leben ist. Ist das nicht Gottes Gegenwart, wenn das Leben läuft? Aber dann ist er weg und ich finde ihn nicht mehr. Ich habe zusammen mit meinem Leben auch noch Gott verloren. Deswegen habe ich immer wieder auf dich geschaut, wie du vor diesem leeren Grab stehst.

Dieses leere Grab, das war wie ein Schlag ins Gesicht ...

Und du hattest absolut keinen Blick für all das Drumherum, selbst für die Engel nicht.

Ja, das war peinlich. Engel! Aber ich habe einfach nur meinen Jesus gesucht. „Meinen“ Jesus – ich habe ja nicht mal ihn selbst erkannt, so beschäftigt war ich mit meiner Suche. Er steht vor mir und redet mit mir und ich erkenne ihn nicht!

Du wolltest eben nichts anderes. Keinen Trost, keine Beschwichtigung. Du hättest dich aufgemacht und alleine deinen toten Herrn zu seinem Grab zurückgetragen! Das nenne ich Power, Maria!

Vielleicht, aber es war eigentlich nur die Kraft der Verzweiflung. Ich wollte mit Gewalt den letzten Rest von etwas Altem festhalten. Das wäre keine Kraft zum Leben gewesen. Als Jesus dann einfach nur „Maria“ gesagt hat, brach alles zusammen – oder, nein, da ging mit einem Mal alles auf. Da war es wieder, das Licht, das Leben. Mein Name aus seinem Mund ... Aber da war auch etwas ganz Neues, viel Größeres – etwas, das ich noch gar nicht kannte.

„Rabbuni“ hast du gesagt, das klingt sehr ehrerbietend, gar nicht so vertraut.

Ja, da war etwas ... etwas sehr Berührendes und Schönes an ihm.

Etwas Berührendes ... und dann sagt er zu dir: „Rühre mich nicht an!“ – Hast du das verstanden? War das nicht schrecklich? Ich glaube, das ist so ziemlich der schlimmste Satz, den ich mir vorstellen kann!

Habe ich es verstanden? Ich war ziemlich verwirrt. Aber, es war Jesus! Ich habe seine Stimme gehört, und darin war keine Ablehnung – da war ganz viel Liebe.

Aber was sollte dieser Satz? Thomas durfte ihn doch auch anfassen!

Sagt ihr nicht immer: „Jeder Mensch ist anders“? Jesus ist jedem von uns so begegnet, dass wir ihn erkennen konnten. Petrus, Johannes, Thomas, die beiden in Emmaus ... Jeder hat ihn anders erlebt. Vielleicht musste Thomas spüren, dass dieser scheinbar Ermordete tatsächlich sein Herr ist. Und ich musste anfangen zu begreifen, dass der auferstandene Jesus mehr ist als mein geliebter Rabbi, der mich geheilt und mitgenommen hatte. Ich hätte sicher versucht, da weiterzumachen, wo wir stehen geblieben waren. Ich hätte mich an ihn gehängt und meine Liebe wäre unreif geblieben.

Unreife Liebe – was meinst du, Maria?

Ich hätte mein Leben zurückhaben wollen, meinen Rabbi, meinen Jesus. Verstehst du: „mein“. Jesus wollte aber etwas anderes für mich. Die Jünger haben mir später erzählt, was Jesus ihnen an ihrem letzten gemeinsamen Abend gesagt hat: So lange er auf der Erde war, hatte er dafür gesorgt, dass wir Gemeinschaft mit Gott hatten. Alles lief über ihn. Aber jetzt gibt es eine direkte Verbindung zu Gott. So, wie Jesus und sein Vater sich nahe sind, so nahe ist Gott uns und Jesus ist es auch. Das ist doch noch viel mehr!

Ich brauche nicht nach Jesus zu greifen – er ist schon da! Ich brauche nicht nach dem zu greifen, was ich für mein Leben halte – oder dem nachzuhängen, was ich begraben musste. Jesus ist in mir und in allem, was mich und mein Leben ausmacht. Es gibt mich gar nicht mehr anders – Jesus ist immer schon mit drin!

Das ist ein Satz! Es gibt mich gar nicht mehr anders, als mit Jesus ... Ich muss ihn nicht mehr suchen in den Resten des Gewesenen ...

Und dieser Jesus, der beim Vater ist und mit dem Vater in mir – und in dir –, das ist wirklich die Liebe meines Lebens.

Hey, da ist sie wieder, die himmelhochjauchzende Maria aus Magdala!

 

Dörte Kraft

2010 veröffentlicht in: Gottes verborgene Helden, Hg. H. Steeb, SCM Brockhaus