Wie JESUS glauben lernte

 

von Wilhelm Bruners, Herder 2006 (Tb 2012)

 

Wilhelm Bruners, promovierter katholischer Theologe und Priester, hat fast 20 Jahre in Jerusalem und Tabgha/Galiläa gelebt und unter anderem aus diesem direkten Kontakt mit dem Land, in dem Jesus lebte, ist dieses Buch entstanden.

 

Den Gedanken, dass und vor allem was Jesus lernte, entfaltet Bruners sozusagen chronologisch: am Lebensweg Jesu entlang. Er entwirft ein Bild der Familie, der Synagoge, der jüdischen Gesellschaft und ihrer Gruppierungen zur Zeit Jesu und versucht aufzuspüren, welche geistlichen und religiösen Einflüsse es im Leben Jesu gegeben haben kann, auch während seiner Wirksamkeit in Galiläa und Jerusalem. Was ist Jesus begegnet und was "hat es mit ihm gemacht"?

 

Warum überhaupt diese Fragestellung? Ist Jesus im NT nicht vielmehr Lehrer als Schüler?

Bruners schildert seinen eigenen Anfang mit diesem Thema bei Hebräer 5:8, wo es heißt, dass Jesus an dem, was er litt, Gehorsam lernte, obwohl er Sohn (Gottes) war. Es geht nun nicht darum, an einem Vers etwas aufzuhängen, das das NT nicht hergibt. Aber meines Erachtens geht es darum, auch das Menschsein Jesu ernst zu nehmen. Wenn wir Jesus nicht sehen wollen als Halbgott, der von vornherein "fertig" in diese Welt kam und zwei Zentimeter über dem Boden schwebte, ist es eine spannende Frage, wie der Mensch Jesus sich in seine besondere Berufung hineingefunden hat und wie er auf sein grausames Ende zugegangen ist.

 

Damit steht nicht der Glaube an Jesus Christus als Sohn Gottes in Frage. Dass Christus beides war, Gott und Mensch, hat schon die Alte Kirche in den ersten Jahrhunderten immer wieder durchdacht und zu begreifen versucht. Beides bleibt miteinander bestehen, göttliches und menschliches, und es wird (so das alte Bekenntnis von Chalcedon 451) nicht vermischt, aber auch nicht geteilt, es ist unzertrennbar, aber auch unwandelbar. Ein Geheimnis, das wir wohl nur umschreiben können. Mit unseren heutigen Worten würden wir vielleicht sagen, dass man bei Jesus das Göttliche und das Menschliche nicht gegeneinander ausspielen darf.

 

Auf diesem Hintergrund fand ich das Buch von Bruners faszinierend, denn es lässt uns Jesus als Mensch in seiner Zeit sehr gut erkennen und immer wieder auch den Blick richten auf die Herausforderungen, denen er gegenüberstand - und die er bestehen musste für uns.